Mit 636 cm³ verfolgt die Kawasaki einen eigenen Weg zwischen klassischer 600er und ausgewachsenem Superbike. Die 124 PS verlangen nach Drehzahl, doch der zusätzliche Hubraum macht den Motor im Alltag spürbar elastischer und reduziert die Zahl der notwendigen Schaltvorgänge. Auf kurvigen Strecken überzeugt die Balance aus stabilem Anbremsen, präzisem Einlenken und sauberem Grip am Kurvenausgang. Das Motorrad belohnt einen aktiven Fahrstil, ohne bei moderatem Tempo nervös oder unzugänglich zu wirken. Im Vergleich zur Vorgängerin bleibt das Grundkonzept vertraut, wirkt aber durch TFT-Anzeige, LED-Technik und moderne Assistenzsysteme zeitgemäßer. Gegen die Yamaha R9 oder stärkere Superbikes fehlt letztlich Drehmoment, dafür liefert die ZX-6R genau jene drehzahlhungrige Dramaturgie, die viele moderne Sportmotorräder vermissen lassen.
Schon in der Stadt zeigt sich, dass die ZX-6R kein weichgespültes Mittelklasse-Motorrad sein will: Sie wirkt kompakt, sitzt straff und verlangt nach bewusster Arbeit mit Kupplung und Drehzahl. Auf der Landstraße beginnt ihr eigentliches Revier. Der 636er-Reihenvierzylinder hängt sauber am Gas, schiebt im mittleren Bereich kräftiger an als klassische 600er und verwandelt sich oben heraus in einen kreischenden Präzisionsantrieb. Beim Anbremsen bleibt die Kawasaki stabil, legt sich zielgenau in die Kurve und vermittelt am Vorderrad viel Vertrauen. Der Grip lässt sich sauber lesen, während das Fahrwerk auch bei harten Lastwechseln ruhig bleibt. Gegen eine Yamaha R7 oder Aprilia RS 660 wirkt sie kompromissloser und weniger entspannt, dafür deutlich emotionaler und auf der Rennstrecke überlegen. Gegen größere Superbikes fehlt Punch, doch genau darin liegt ihr Reiz: Man kann sie ausdrehen, ohne sofort in völlig absurde Geschwindigkeitsbereiche zu geraten.
Wer entspanntes Reisen oder kräftigen Durchzug bei niedrigen Drehzahlen sucht, findet passendere Motorräder. Die ZX-6R richtet sich an Fahrer, die Bremspunkte setzen, Kurven sauber treffen und den Motor bis weit über 10.000 U/min arbeiten lassen wollen. Sie ist kein Vernunftkauf, aber eine der charakterstärksten verbliebenen Supersportlerinnen.
Die aktuellen Internet-Tests zeichnen ein bemerkenswert einheitliches Bild. 1000PS lobt den seidenweichen, drehfreudigen Vierzylinder, das präzise Fahrwerk, die standfeste Bremse und die bessere Alltagstauglichkeit gegenüber früheren, noch spitzer ausgelegten Supersportlern. Kritisiert werden vor allem die enge Ergonomie, der nur beim Hochschalten unterstützende Quickshifter und die elektronisch nicht ganz zeitgemäße Ausstattung. Moto-1 bewertet die ZX-6R als bewusst analoge, hochdrehende Alternative zu den zunehmend von Zweizylindern geprägten Sportmotorrädern und hebt ihren Charakter auf kurvigen Straßen hervor. Team-BHP kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass Motor und Handling die größten Stärken sind, während Sitzposition und Komfort längere Etappen begrenzen. Insgesamt gilt die Kawasaki online als konsequente Liebhaberwahl: weniger bequem als eine R7, aber aufregender und näher am klassischen Supersportgedanken. Quellen: 1000ps.de; kawasaki.com; moto-1.com. Quelle ansehen